~*~ Bithyas kleine Welt ~*~

 

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Eine Zugfahrt am 23.12.

Es war doch jedes Jahr das gleiche. Warum mussten immer alle am 23.12. in den Zug steigen und zu ihrer Familie fahren? Warum konnten sie das nicht früher machen? Oder später? Warum ausgerechnet an diesem Tag?

Natürlich könnte sich Sirko diese Frage auch selbst stellen, doch das tat er bewusst nicht. Stattdessen saß er, eingeklemmt zwischen Kinderwagen, Koffern und anderen Reisenden, auf dem Boden vor dem Ausstieg. Der Untergrund war mit Teppich ausgelegt, wie es in jedem ICE der Fall war, aber bequem war es trotz allem nicht.

Er hätte einfach die 2€ mehr zahlen und sich einen Sitzplatz reservieren können. Seufzend schüttelte er den Kopf – es brachte nichts, mit der Situation zu hadern, nun war es eben so und er musste drei Stunden auf dem Boden aushalten.

Der nächste Bahnhof wurde angesagt – Hannover, Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Genervt erhob sich Sirko und zog seine beiden Koffer näher zu sich – er saß natürlich vor der rechter Tür, die bei fast jedem Bahnhof die Ausstiegstür war.

Es dauerte einige Minuten, dann waren die Massen an Reisenden ausgestiegen und es kamen noch größere Massen wieder rein. Viele alte Menschen mit ihren Köfferchen kletterten ächzend und keuchend die zwei steilen Treppenstufen hoch, schimpften über die Bahn, über die jungen Menschen, die nicht halfen und nur im Weg waren und dass Zugfahren früher viel angenehmer gewesen sei.

Langsam ließ er sich wieder auf den Boden sinken, die meisten waren eingestiegen und es war genug Platz für den Rest, an ihm vorbeizukommen. Von seiner hockenden Haltung aus sah er zwei nackte, schlanke Beine in halsbrecherisch aussehenden Stöckelschuhen an ihm vorbei schreiten und dann direkt neben ihm stehen bleiben. Langsam wanderte Sirkos Blick nach oben – und sofort wieder runter. Die Inhaberin der Beine schien sich nicht darüber im Klaren zu sein, dass von seiner Position aus interessante Einblicke unter ihren Minirock möglich waren und er dachte nicht im Traum daran, sie darauf aufmerksam zu machen.

Zu seinem Entsetzen ließen sich die Beine nun an der gegenüberliegenden Wand des Ganges herunter gleiten – und erneut kam er nicht drum herum, das schwarze Spitzenhöschen zu bemerken. Bevor er endgültig rot anlaufen konnte, verschwand es aber wieder hinter den schlanken Beinen und stattdessen geriet nun ein ansehnlicher Oberkörper und ein noch ansehnlicheres Gesicht in sein Blickfeld. Noch während er starrte, schauten ihn die strahlend blauen Augen direkt an. Ein verschmitztes Grinsen trat auf die vollen, roten Lippen und mit glockenheller Stimme meinte das schöne Gesicht: „Gefällt dir, was du siehst?“

Nun war es doch geschehen: Sirkos Gesicht hatte sich in eine rote Glühbirne verwandelt und die Gedanken waren wie weggefegt. Unbeholfen zuckte er mit den Schultern und ließ seinen Blick hilfesuchend zu dem Pärchen wandern, das mit ihm am Boden hockte, doch der Mann und seine junge Freundin bemerkten ihn gar nicht.

„Ich liebe Zugfahrten zu diesem Zeitpunkt. Ich fahre jedes Jahr mit dem ICE von Hannover nach Hamburg und immer sitze ich am Boden.“

Ganz offensichtlich wollte die Schönheit ein lockeres Gespräch anfangen. Sirko versuchte sich zu konzentrieren. An einem einfachen Gespräch war nichts auszusetzen, er musste nur seine Gedanken von dem schwarzen Höschen wegbekommen.

„Tatsächlich? Ich hasse es. Jedes Jahr das gleiche und immer nehme ich mir vor, das nächste Mal einen Platz zu reservieren!“

Ein melodisches Lachen ertönte: „Warum? So macht die Zugfahrt viel mehr Spaß. Man lernt nämlich hier, eingepfercht zwischen Koffern und anderen Menschen, sehr viel leichter neue Leute kennen!“

Da hatte sie definitiv recht. Aber Sirko war sich nicht sicher, ob er gerade glücklich darüber war, diese Frau vor sich zu haben, oder eher verzweifelt und unsicher. Sie war einfach zu
schön.

„Und manchmal“, fügten die roten Lippen hinzu, „lernt man auch sehr hübsche Männe kennen, wenn man hier so am Boden sitzt.“

Er schluckte. Sie flirtete ganz offensichtlich mit ihm. Er merkte, wie ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Es war ja nicht so, dass er keinerlei Erfahrung mit Frauen hatte, ganz im Gegenteil. Aber diese direkte Art war ihm unheimlich. Er musste irgendwie die Kontrolle über das Gespräch an sich bringen, schließlich war doch er der Mann hier.

„Ich bin übrigens Sirko!“, sagte er so lässig wie möglich.

„Helena“, antwortete sie wieder mit diesem schelmischen Grinsen.

„Wie die schöne Frau aus der Sage um Troja?“, fragte er nach. Das war gut, bei einem Gespräch über griechische Mythen konnte sie ihn zumindest nicht weiter nervös machen.

„Ja, der Name passt zu mir, meinst du nicht, Sirko?“, erwiderte sie und schaute ihm dabei direkt in die Augen. Sein Herz machte einen Satz. So viel zu griechischen Mythen. Sie hatte ihn schon wieder erwischt, wie machte sie das nur? Er kam sich vor wie ein kleiner Junge, der das erste Mal eine Frau sah. Und nun schlich sich auch schon wieder dieses verdammte Grinsen auf ihr Gesicht. Konnte die Frau Gedanken lesen? Er schloss die Augen und atmete tief durch. Irgendwas musste er doch darauf sagen können, irgendwas, das ihr den Wind aus den Segeln nahm, oder das zumindest ihn wieder auf gleiche Höhe brachte.

„Helena war bestimmt nicht so schön wie du“, meinte er. Angriff war die beste Verteidigung. Wenn sie flirten wollte, konnte sie das haben.

Ihre Augen blitzten. Ganz offensichtlich hatte er sie unerwartet getroffen, und ebenso offensichtlich gefiel ihr, dass er so direkt wurde. Das würde eine interessante Weiterfahrt nach Hamburg werden.

oOoOoOo

„Nächster Halt: Hamburg Hauptbahnhof. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung rechts!“

Die Durchsage ließ Sirko zusammenzucken. Hamburg. Hier würde Helena aussteigen. Die letzten Stunden hatten sie mit einem intensiven Flirt verbracht und nun würden sich ihre Wege für immer trennen. Er wusste nichts über sie als ihren Namen. Bevor sie ging, musste er ihr zumindest ihren ganzen Namen entlocken, dann würde er sie im StudiVZ suchen.

„Wie heißt du eigentlich mit Nachnamen?“

„Ich habe keinen Nachnamen. Einfach nur Helena.“

Sirko seufzte enttäuscht. Das war eine deutliche Abfuhr. Ganz offensichtlich trieb sie dieses Spiel jedes Jahr. Es wäre auch zu schön gewesen …

„Wenn du das hier einer Frau geben dürftest, welcher würdest du es geben?“

Die Frage traf ihn unerwartet. Er starrte auf den Gegenstand in ihrer Hand: Ein goldener Apfel mit der Gravur „Für die Schönste“. Träumte er?

„Die Schönste bist eindeutig du!“, erwiderte er, doch seine Stimme zitterte.

„Wenn du zwischen Hera, Athene und Aphrodite wählen müsstest, wem würde dieser Apfel gehören?

“Er träumte. Ganz eindeutig. Er musste im Gespräch mit ihr eingeschlafen sein. Oder spielte sie ihm einen Streich?

„Ganz eindeutig Aphrodite!“

„Warum?“

„Weil ich dann dich bekommen würde.“

Zum ersten Mal sah er sie lächeln, ganz offen und ehrlich lächeln. Hatte er es richtig gemacht? War das ein Test gewesen? Doch sie sagte nichts. Sie griff einfach nur ihren Koffer und stieg aus. Ehe er sich versah, schlossen sich die Türen wieder und sie war weg. Schnell sprang er auf und suchte sie durch das Fenster in der Tür. Da stand sie, himmlisch lächelnd, und winkte ihm zu. Er blinzelte – und als er die Augen wieder öffnete, war sie weg.

Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Verwirrt ließ sich Sirko wieder auf seinen Platz nieder. Er schaute zu dem Pärchen rüber, das noch immer bei ihm saß.

„Entschuldigung … habt ihr gesehen, wie die Frau, die hier mit uns saß, so schnell vom Bahnsteig verschwinden konnte?“, fragte er vorsichtig. Die beiden wandten sich ihm zu und blickten fragend drein: „Welche Frau? Wir sind doch seit Stunden zu dritt hier eingepfercht!“

Sirko riss die Augen auf. Hatte er geträumt? Anders konnte er sich das ganze nicht erklären, aber es war so real gewesen. Stöhnend ließ er seine Hände zum Boden sinken – und spürte einen kühlen, runden Gegenstand links neben ihm: Der goldene Apfel. Verunsichert hob er ihn hoch. Wo kam der her? Also hatte er doch nicht geträumt? Aber wie sonst konnte das alles geschehen sein? Sein Blick wanderte auf die Stelle, an der der Apfel gelegen hatte. Dort lag ein Zettel:

Manchmal geschehen Wunder.
Auch in deiner Zeit, zu dieser Zeit, in einem Zug!
Bewahre den Apfel gut …
… bis wir uns wiedersehen!
15.2.10 14:29
 


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